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In Shimanos Heimatland - das Mallorca des Ostens PDF Drucken E-Mail
von Hendrik Zwiener   
04.11.09

Über drei oder vier Ebenen stapeln sich die Schnellstraßen Tokyos, das U-Bahn-Netz lässt erahnen, dass der nächste unbebaute Fleck viele Kilometer entfernt liegen muss, und die einzige brauchbare Joggingstrecke der Stadt ist die Runde um den Kaiserpalast - wer an Japan denkt, verbindet das Land nicht unbedingt mit dem Begriff des Radsportparadieses. Die international erst wenig aufgefallene Radsportszene passt da gut ins Bild, und auch die Dominanz von Shimano auf dem Radteilemarkt scheint eher ein Beispiel dafür zu sein, dass Japaner industriellen Herausforderungen mit Konsequenz und Perfektionismus begegenen, als dass sie aus der Begeisterung für den Sport gewachsen ist.

Aber das Land ist groß, und für sehr viele Überraschungen gut. Während sich im nördlichen Sapporo die Temperaturen dem Gefrierpunkt nähern, klettert das Thermometer im südlichen Miyazaki auf der Insel Kyushu noch über 25°C. Was liegt also näher, am Ruhetag der Orchesterreise das Land auf zwei Rädern zu erkunden? Dank der unglaublichen Hilfsbereitschaft des Hotelpersonals, das keine Mühe gescheut hat, ein genau passendes, sehr anständig ausgestattetes Rennrad leihweise aufzutreiben, und mitgebrachter Ausrüstung, steht einer großen Runde nichts im Wege. Außer dem Linksverkehr natürlich, und vielleicht der mangels Schriftkenntnis leicht erschwerten Navigation.

Nach einer halben Stunde liegt Miyazaki schon weit hinter mir, und nach einigen Kilometern zum Warmfahren im Flussdelta beginnt schon der erste Anstieg. Auch bei größeren Straßen scheinen die japanischen Ingenieure nicht allzu großen Wert auf gleichmäßige, niedrige Steigungen zu legen, so dass zweistellige Prozente schon Schwarzwaldfeeling aufkommen lassen. Nach meinem ersten Stop an einem der allgegenwärtigen Getränkeautomaten, die Tankstellen für Radler angenehm überflüssig machen, finde ich dann den Abzweig auf das kleine Sträßchen, das mich auf den Gipfel des Wanitsukayama-Berges führen soll. Ab dem fünften Kilometer geht es hier richtig zur Sache, und ebenso wie die Qualität des Straßenbelages wechseln die Steigungsprozente munter hin und her. Kaum ein Auto ist auf der engen Straße unterwegs, so dass der Aufstieg auf frische 1130m, wo der Herbst schon fortgeschritten ist und dem Laub prachtvolle Farben verleiht, geradezu meditativ wirkt.

Die Abfahrt führt mich nach Süden zu meinem Wendepunkt in Nichinan, von wo aus der Rückweg nahezu ununterbrochen an der Pazifikküste verläuft. Zur Rechten die meterhohen Wellen, zur Linken die subtropische Vegetation und von hinten eine leichte Brise - bis auf eine Pause am in eine Felsnische hineingebauten Schrein "Udo Jingu" klettert der imaginäre Kilometerzähler flott nach oben. Gut so, denn kurz vor halb sechs beginnt die Dämmerung, oder besser gesagt: geht das Licht aus - in diesen Breiten geht der Einbruch der Nacht schnell, so dass ich die letzten Kilometer durch Miyazaki mit dem Batterielämpchen (Made in Japan, natürlich) absolvieren muss. Die traditionelle After-Training-Pasta fällt diesmal aber ins Wasser - das Kohlehydratloch wird erstmal mit Thunfisch-Reiskuchen, Gemüse-Hefekloß und einem Salat gestopft.

Gewichtige Gründe sprechen wohl dagegen, dass Kyushu Mallorca als Basis des Frühjahrstrainingslagers ablöst. Die charakteristischen Gebirgsformen, die unglaublich entgegenkommenden Japaner (nicht nur wegen des Linksverkehrs), das raffinierte und wertvolle Essen und eine Menge kultureller Exotik machen eine Radtour hier zum bleibenden Erlebnis.

 
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